von Frank Haber

Von der Chance in der Krise zur Weisheit aus der Krise – Was wir aus Grenzerfahrungen lernen und wozu das alles noch gut sein wird.

Was könnte positiv an einer existentiell bedrohlichen Krise sein, die wir als Menschen oder Menschheit erleben? Vielleicht ist es das Wegbrechen alter morscher Gewissheiten, die uns endlich erkennen lässt, worauf es wirklich und wahrhaftig ankommt in unserem Leben.

Spätestens wenn gewohnte Routinen wegbrechen, Güter ihren alten Wert verlieren und die Zukunft wieder nebelig und unsicher erscheint, werden wir dazu gezwungen, uns in ungewohnten Abläufen zurechtzufinden, neu zu definieren was als gut und wertvoll gelten soll und Zukunftsvorstellungen zu entwickeln, nachhaltiger als jene, von denen wir uns in der Krise schmerzlich verabschieden mussten. Oft können kritische Lebensereignisse dazu genutzt werden, sich neu zu erfinden.

Im kleinen Maßstab stellen wir uns einen chronisch überarbeiteten Menschen vor, der nach einem Herzinfarkt die Sinnlosigkeit seines Strebens, mehr Geld anzuhäufen als benötigt, realisiert. Im größeren Kontext denken wir vielleicht an Industrienationen, die spätestens mit den verheerenden Folgen der globalen Erderwärmung konfrontiert schließlich doch einsehen werden müssen, dass es ein großer Fehler war, zulange an der Nutzung fossiler Brennstoffe festzuhalten.

Im Moment sind große Teile der Weltbevölkerung mit dem Schrecken einer furchtbaren, wenngleich vorhersehbaren Pandemie konfrontiert, die unsere völlig unterfinanzierten Gesundheitssysteme überrollt, weltweit eine hohe Zahl vermeidbarer Todesfälle verursacht und aufgrund der ausgelösten wirtschaftlichen Turbulenzen möglicherweise Tausende von Unternehmen und Millionen von Arbeitsplätzen zerstören wird.

Ich hoffe sehr, dass auch diese Krise im Kleinen wie Großen dazu beitragen wird, dass wir zu besseren Menschen und Gesellschaften werden. Um zu erkunden, was wir aus all dem und Grenzerfahrungen im Allgemeinen lernen können, möchte einige Überlegungen formulieren, in denen ich mich auf das psychologische Konstrukt von Weisheit beziehe.

Ausgehend von Weisheit, definiert als persönlicher Wissensreichtum über zuträgliche Einstellungen und Verhaltensweisen, die im Umgang mit Lebensproblemen von Nutzen sind, möchte ich in den kommenden Wochen jeweils einen anderen Aspekt der psychologischen „Krisen-Weisheit“ ins Auge fassen. Diese Woche möchte ich meinen Post mit einer kurzen Definition des Berliner Weisheits Paradigmas beenden und einen Überblick darüber geben, was die Themen der nächsten Wochen sein werden.

Die psychologische Definition von Weisheit

Geht man von Sternberg aus, der als einer der ersten amerikanischen Psychologen (Yale) den Versuch unternahm, das Konzept Weisheit psychologisch zu definieren, dann haben wir es mit einem mentalen Balance-Akt zu tun. Demzufolge zeichnen sich weise Menschen dadurch aus, dass sie Denken, Fühlen und Wollen effektiv koordinieren können, indem sie stets nach einen Mittelweg zwischen den Extremen suchen, ihr eigenes Wissen immer wieder hinterfragen und darüber hinaus die Fähigkeit besitzen, eine gesunde emotionale Distanz gegenüber den zu bewältigenden Problemen zu bewahren. Aufbauend auf Sternberg’s mentaler Balance-Theorie, entwickelten Paul Baltes und seine Kollegen des Berliner Max Planck Instituts für Bildungsforschung eine Reihe empirischer Forschungsdesigns, mit deren Hilfe es ihnen gelang, unterschiedliche Weisheitsaspekte im Sinne „fundamentaler Lebenspragmatiken“ (fundamental pragmatics of life) herausarbeiteten. Aus ihren Analysen gingen fünf Hauptfaktoren hervor, welche ausschlaggebend für die Entwicklung von persönlicher Weisheit sind: (1) Eine Fülle an fachlichem Wissen über die Bedingungen des menschlichen Lebens (conditio humana) und deren Variationen; (2) Eine Fülle an prozeduralem Wissen in Bezug auf Einschätzungen und Kenntnisse, wie man sinnvoll mit Lebens-Problemen umgeht; (3) Kontextualismus der Lebensspanne als Kenntnis verschiedenster Lebenskontexte, wie sie in Verbindung zueinander stehen und wie sie sich über die Zeit verändern; (4) Relativismus im Sinne eines Bewusstseins darüber, dass Menschen unterschiedliche Werte, Ziele und Präferenzen haben können, und wie diese durch Variablen wie kulturelle Nomen und persönliche Eigenschaften beeinflusst werden; (5) Unsicherheits-Toleranz als Wissen um die Unbestimmbarkeit und Unvorhersehbarkeit des Lebens, als Bewusstsein und Akzeptanz eigener Grenzen sowie im Sinne der Bereitschaft und Fähigkeit Ideen zu entwickeln, wie man mit Situationen umgehen kann, die schwierig einzuschätzen und zu kontrollieren sind. Auch wenn man sich Weisheit durch Erfahrungen über die Lebensspanne hinweg aneignen kann, können auch junge Menschen weiser sein als alte, wie dieser 9-jährige Junge beeindruckend unter Beweis stellt (Youtube-Link).

Inspiriert durch diese und andere Theoretiker der Weisheit, finden Sie unten eine Übersicht der Themen, die ich in den nächsten Wochen gerne mit Ihnen erkunden möchte:

  • Die Weisheit von Akzeptanz als Schlüssel zur Veränderung
  • Die Weisheit der Balance und der Integration von Gegensätzen
  • Die Weisheit der Offenheit gegenüber Neuerungen
  • Die Weisheit der Unbeständigkeit und Toleranz von Mehrdeutigkeit
  • Die Weisheit von Verantwortungssinn und Verbundensein
  • Die Weisheit der Dankbarkeit und tief empfundener Wertschätzung
  • Die Weisheit des Hier und Jetzt
  • Die Weisheit der Selbstliebe und liebevoller Zuwendung
  • Die Weisheit des Lebenserfahrungs-Kontextualismus
  • Die Weisheit der Demut und der Freiheit von Vorurteilen
  • Die Weisheit der Hoffnung als endgültige Antwort
Frank Haber ist Psychologischer Berater/Psychological Counselor an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und Jacobs University Bremen
     
Go To Top